Weisheit (aus Goethes Faust)

Filmvestival von Cannes, Boulevard de la Croisette:
eine wahre und weise Geschichte.

Die drei Freunde sassen in der Lounge des Grand Hyatt Martinez am Boulevard de la Croisette, schauten schon eine gute Stunde dem Auf- und Ab der Schönheiten zu, die hier zu Gast waren, am Filmfestival von Cannes. Die drei, ein Fotograf, ein Designer und ein Product Manager hatten die Tage zuvor ein Commercial gedreht, für einen Fabrikanten, der in Handarbeit luxuriöses Reisegepäck herstellt.

Es war der Fotograf, der plötzlich die Frage in den Raum stellte, nach welchen Kriterien die Schönheiten ihre Tasche wählen würden, dem wohl wichtigsten und augenfälligsten Accessoire, das sie da hin und her tragen.

Der Designer meinte, chic sein müsse das Ding, einfach gut aussehen, ein Statement abgeben. Der Product Manager ergänzte, der Brand sei ausschlaggebend und das Teil müsse dem neusten Trend entsprechen, hochpreisig sein, Prestige signalisieren. Der Fotograf überlegte: Praktisch seien die Taschen ja nicht gerade, und was ihm auffalle, hergestellt würden sie durchwegs in Fernost, also billig, verkauft dagegen würden sie sehr teuer. 

Nach einer Weile meinten die drei: So ein Accessoire müsse grundsätzlich tauglich sein, als Tasche nämlich. Praktisch und qualitativ hochwertig. Und ein funktionales Design solle sie haben, als Accesoire ein Hingucker sein. Aber warum sollte so ein Ding in Fernost fabriziert werden? Man war sich einig: Das könne man auch "Swiss made" herstellen, vom Material über die Fertigung, in Handarbeit natürlich. Ein gutes Produkt dürfe auch was kosten. Und es sollte ökologisch Sinn machen, dazu eine Botschaft verbreiten, eine, die vielleicht auch hilft, die Welt ein klitzekleinbisschen besser zu machen.

Zuhause setzten sie sich mit dem Buchhalter zusammen, stellten voller Enthusiasmus ihre Produktidee vor. Der Buchhalter rechnete und rechnete, vermisste die Rendite, die mindestens dreihundert Prozent, besser fünfhundert oder mehr ausmachen müsse. Nach einer gefühlten Ewigkeit verkündete er sein vernichtendes Verdikt, zitierte dabei etwas gar frei Goethe aus Faust II, V. Akt, Vorhof des Palastes.

Meine Herren, das ist der Weisheit letzter Schluss: Nur der verdient Geld und Ruhm, der nichts gibt, sich dafür alles nimmt. Eine Weile schwiegen alle. Der Fotograf schaute den Designer an, der Designer den Product Manager. Dann eröffneten die Freunde dem Buchhalter ihren Beschluss: Wir machen es, Sie sind gefeuert!

Nur noch einmal gedachten die drei Freunde dem Buchhalter, als sie ihren Taschen einen Namen gaben - denn der Weisheit letzter Schluss sollte weise sein. Darum heisst der Brand heute Weisheit.